Spenden- oder Staatsfinanzierung als Ausweg?
Gleich zwei Nachrichten machen die Runde: Einerseits die Plattform “Spot.Us“, die im Internet Geld einsammelt, um Recherchen und Beiträge von Journalisten zu finanzieren. Andererseits der niederländische Staat, der Berufsanfänger im Journalismus mit Stipendien unterstützt.
Privates Mäzenatentum oder staatliche Subventionen. Chancen zur Vermeidung der Honorarmisere und zugleich ein Mittel zur Steigerung der Qualität im Journalismus?
Rechnen wir es durch: Rund 25.000 hauptberufliche freie Journalisten mit einem Durchschnittseinkommen von 25.000 Euro würden ein Gesamtvolumen von 625 Millionen Euro im Jahr erfordern. Ein Rettungsprogramm sollte allerdings auch angemessene Honorare enthalten, so dass wir eher 50.000 Euro pro Jahr anlegen sollten und mithin auf 1,45 Milliarden Euro Honorarvolumen kämen.
Was davon kann durch privates Mäzenatentum finanziert werden?
Vermutlich nur ein äußerst geringer Bruchteil. Sicherlich ist denkbar, dass jährlich bis zu 500.000 Euro im Internet eingesammelt werden können.
Warum auch nicht? Die Unterstützung von Journalismus ist kein absolutes Novum. Schon heute gibt es bereits eine Menge von Programmen für Journalisten. Stipendien für Auslandsaufenthalte, Journalistenpreise und -wettbewerbe in bestimmten Branchen oder wie bei der Verwertungsgesellschaft Bild Kunst Unterstützung für bestimmte fotojournalistische Projekte. Hinzu kommen Zeitungen, die von Genossenschaften betrieben werden, wie die taz oder die Junge Welt. Weiterhin zahlreiche Zeitschriften, die direkt von den unterschiedlichsten Interessensvereinigungen herausgegeben werden, um ihre Positionen bekannt zu machen. Warum sollte ein deutsches “Spot.Us” das nicht noch ergänzen können?
Allerdings zu beachten: Betriebswirtschaft. Ein solches Projekt benötigt eine professionelle Redaktion und eine Verwaltungseinrichtung einschließlich Buchhaltung und Controlling. Einfach Geld ausschütten ohne Erfolgskontrolle funktioniert nicht. Solche Kosten wären bei realistischer Betrachtungsweise wiederum selbst mit mindestens 300.000 Euro jährlich anzusetzen. Da ein solches Projekt in den ersten Jahren nicht auf die oben genannten Umsatzzahlen kommen wird, wäre eine Anlauffinanzierung erforderlich. Sicherlich auch für mehrere Jahre. Dabei ist denkbar, dass große Stiftungen solche Projekte finanzieren könnten. Absehbar ist allerdings, dass das Projekt damit selbst unter dem Verdacht stünde, direkt oder indirekt die Interessen der Geldgeber zu unterstützen. Der Journalisten-Verband selbst hat solche Mittel nicht zur Verfügung. Es würde zudem darauf hinauslaufen, dass sich die Journalisten durch Umweg über den eigenen Verband letztlich selbst finanzieren würden. Das wäre sicherlich ein Modell, das den Arbeitgebern gefallen würde, aber mit einem wirtschaftlichen Geschäftsmodell wenig zu tun hätte.
Als Problem kommt die Logik des Geldes hinzu. Wenn - eventuell sogar anonyme - Dritte Recherchen auslösen können, bestimmt im Zweifel der Finanzstärkere, wo die Themen der Journalisten liegen. Wo heute schon große Firmen PR-Strategien fahren, mit denen freie Journalisten als versteckte PR-Blogger eingekauft werden, darf damit gerechnet werden, dass sie offen oder anonym Geld für Recherchen für Themen spendieren, die ihnen besonders am Herzen liegen, z.B. “Vorteile der Gentechnik”, “Gewaltstrategien von Gentechnik-Gegnern” oder das Privatleben von führenden Politikern, deren Bundesländer einen kritischen Kurs gegen Gentechnik fahren. Insgesamt also kein Projekt, das für die Qualität im Journalismus unbedingt weiterführend wäre.
Wenn die Privaten es also finanziell zum Teil nicht schaffen werden, wollen oder auch dürfen, stellt sich die Frage: Sollte nicht der Staat handeln? Rettungsschirm für Journalisten?
Nun gibt es in Deutschland bereits eine große staatlich organisierte Berichterstattung in Form des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die in der Tat auch mehr als zehntausend freien Journalisten Brot und Arbeit gibt. Sie werden praktisch gesehen schon heute durch die Rundfunkgebühr finanziert. Mehr Rundfunk-Freie also, ein Lösung? Eine weitere, weit über die Inflationsrate hinausgehende Erhöhung der Rundfunkgebühren wäre für die Freien wegen der Beschäftigungsmöglichkeiten an Rundfunkanstalten sicherlich sinnvoll, würde aber auch auf viel Widerstand bei den Gebührenzahlern und auch in der Politik stoßen. Eine weitere Ausweitung der Programme der Rundfunkanstalten wiederum würde auf Kritik der privaten Konkurrenz stoßen. Dieser Weg wäre damit besonders schwierig.
Können also statt einer massiven Erhöhung der Rundfunkgebühren Steuergelder helfen, vornehmlich zu Gunsten der Presse und Onlinemedien?
Für eine unabhängige Presse, für unabhängige Medien ist eine Staatsfinanzierung eine große Gefahr. Wer auf Kosten von Staatsfonds lebt, wird sich mit allzu kritischer Berichterstattung an seinen Geldgebern zurückhalten (müssen). Bei aller offiziellen Staatsferne sind bekanntlich auch die Rundfunkanstalten über Gremien und Staatsverträge zu ihrer Finanzierung eng genug an Landes- und Bundesgesetzgeber gebunden. Im Fall der verschobenen Vertragsverlängerung des ZDF-Chefredakteurs ist bereits zu sehen, dass in den Rundfunkanstalten selbst moderate Redakteure von Politikern bedrängt werden können. Zwar kann dieser Fall nicht 1:1 auf alle Anstalten (oder auch alle Abteilungen des ZDF) übertragen werden. Aber wie könnte angesichts solcher Probleme das öffentlich-rechtliche Modell ein wirkliches Vorbild für Presse und Online sein?
In der Logik der aktuellen Krise werden solche Bedenken allerdings schnell beiseite geschoben werden. Zwar wird eine Verstaatlichung oder Überführung in öffentlich-rechtliche Anstaltsstrukturen von den Verlagen meist abgelehnt werden. Aber schon jetzt nimmt das eine oder andere Zeitungshaus ganz selbstverständlich Kredite öffentlicher Krediteinrichtungen in Anspruch. Es werden noch mehr werden. Die Kreditentscheidung ist bei Medien immer auch eine politische Entscheidung, und sie wird in Hinblick auf Bundestags- und andere Wahlen meist auch so ausfallen, wie die betroffenen Verlage das sich wünschen. Gänzlich auszuschließen ist nicht einmal, dass die Idee einer öffentlich-rechtlichen Pressestiftung in irgendeiner Form wiederkehrt und mancher Verleger, der Geld braucht und sein Objekt los werden will, für eine solche Überführung am Ende sogar noch politische Unterstützung findet. Die Nähe zum Staat ist für viele Verleger kein Problem, sondern Strategie. Nur so können sie ihre Interessen optimal durchsetzen. Warum also Sorge um die Staatsferne, lautet ihre Devise.
Warum sollten also die Freien noch irgendwelche besondere Bedenken haben? Abhängigkeit hin, Abhängigkeit her, von Unabhängigkeit kann ich mich nicht ernähren, wird der eine oder andere denken (müssen).
Allerdings sind die staatlichen Förderungseinrichtungen nur auf Unternehmen, meist auch nur größere Kapitalgesellschaften mit zahlreichen Beschäftigten ausgerichtet. Angesichts klammer Kassen wird eine Durchalimentierung schlecht verdienender Selbständiger von staatlichen Stellen im Regelfall abgelehnt werden. Sie werden dann auf das Arbeitslosengeld II verwiesen. Schon heute gibt es einige Freie, die sich in der Kombination von Arbeitslosengeld II und (wenig) Honorareinkünften eingerichtet haben bzw. so verfahren müssen. Allerdings liegt die Zahl der Arbeitslosengeldempfänger unter den Freien unter 2 Prozent. Die weitaus größere Zahl verdient noch oberhalb des Hartz-IV-Niveaus.
Was wären andere negativen Folgen von Mäzenatentum und staatlicher Subventionierung?
Würde die Unterstützung von freien Journalisten ein generelles Phänomen, würden die Honorare der Freien weiter abgesenkt werden. Die Verlage würden sich auf die kostenlose Zuarbeit ausrichten. Schon heute werden viele Arbeitsmöglichkeiten durch kostenloses PR-Material in Form von Text und Foto verdrängt (welches in manchen PR-Abteilungen wiederum nur von “1-Euro-Job”-PR-Mitarbeitern erstellt wurde); dieser Trend würde verstärkt.
Was wird also passieren?
Ist eine Idee in der Luft und besonders auch schon einmal in den USA ausprobiert, dauert es bis zu ihrer Umsetzung in Deutschland meist bis zu zwölf Monate, manchmal auch länger. Daher wird ein deutsches Spot.Us kommen, für viel Wirbel sorgen, aber keine wirkliche Bedeutung in der Medienwirtschaft bekommen können. Ein Stück weit wird mehr Recherche stattfinden können, allerdings wiederum auch bezahlte Arbeit verdrängt werden. Staatliche Rettungsschirme, die sich in Form von Krediten staatlicher Kreditinstitute über den Verlagen und anderen Medienfirmen öffnen, werden zudem mittelbar auch Freie erreichen. Allerdings wird auch das nichts an der Honorarhöhe selbst ändern, die mindestens so lange miserabel bleibt, bis Honorarregelungen zwingend gelten.
Was zeigt uns die Debatte über Sponsoren aus Privat und/oder Staat?
Die Qualitätsdebatte ist dort angekommen, wo sie hingehört. Bei der Frage, ob noch ausreichend in Berichterstattung investiert wird.
Berichterstattung, global und lokal, ist stark gefährdet von der “Fastfood-Berichterstattung”, die den Bürgern von konzentrierten, monopolisierten und globalisierten Medienunternehmen serviert wird. Die angebotenen Lösungen sind zwar keine Lösungen, sondern verdrängen und entwerten Arbeit nur in anderer Weise. Allerdings zeigen sie zumindest, dass das Engagement und Nachdenken über Wege zur Herstellung von gesellschaftlicher Öffentlichkeit und Debatten noch nicht erledigt ist.
