250 Jahre Künstlersozialkasse - eine Festrede aus dem Jahr 2233

Festrede, gehalten von Günter Farouk Al-Aouni* am 6. Mai 2233 in der Berliner Akademie der Künstler und Publizisten

Verehrtes Publikum,

heute sind wir zusammengekommen, um einem historischen Ereignis zu gedenken. Ich darf Sie daher zugleich bitten, sich gedanklich mit mir auf eine Zeitreise zu begeben. Denn vieles von dem, was ich Ihnen heute erzählen werde, wird Ihnen unglaublich erscheinen, wie eine Geschichte aus dem Zeitennebel. Doch das Studium der Vorzeit der Menschheit ist auch ein Weg, um die Gegenwart besser zu verstehen.

Wir feiern heute den 250. Jahrestag der Gründung der Künstlersozialkasse. Was war die Idee der Künstlersozialkasse, was war das für eine Zeit, in der sie gegründet wurde?

Stellen Sie sich eine Zeit vor, in der freie Künstler und Publizisten im Regelfall zu den Geringverdienern gehörten…
(Gelächter im Publikum, ein erboster Zwischenruf)
Ja, es klingt unglaublich. Aber Sie müssen es sich klarmachen. Es war eine Zeit, in der diejenigen, die Kunst schufen, Gemälde, Denkmäler, Internet- und Rechnerwelten, diejenigen, die als Schriftsteller Romane schufen, die, welche als freie Journalisten für Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen, Internet und vieles mehr tätig waren, - wo gerade dieser Personenkreis weit weniger verdiente als der durchschnittliche Stahlarbeiter und oft nicht einmal das Existenzminimum erreichte…
(Unruhe im Publikum, Husten, ein Zwischenruf: Reden Sie vom 19. oder vom 20. Jahrhundert?)
Ich nehme den Zwischenruf dankbar an. Richtig, unsere Vorstellung vom 20. Jahrhundert ist in vielen Fällen vom modernen Sozialstaat geprägt, der Erfindung von Arbeitslosenversicherung, dem Aufbau einer Kranken- und Rentenversicherung, die ihren Namen halbwegs verdiente. Aber längst nicht alle Bevölkerungsteile und Erwerbsgruppen hatten Anteil an diesen Systemen. In geradezu perfider Weise orientierte sich das Denken der politisch Verantwortlichen seinerzeit stets nur an den so genannten Arbeitnehmern, also Personen, die für einen Auftraggeber tätig wurden, mit festem Arbeitsplatz und vorgegebenen Aufgaben. Alle anderen, die wechselnd für Auftraggeber tätig waren, die von zuhause oder einem eigenen Büro, einer eigenen Werkstatt aus arbeiteten, wurden in diesem System vergessen. Dieses waren die so genannten Selbständigen…
(Zwischenruf: Welcher Mensch ist denn nicht selbständig?)
Eine gute Frage. Bereits der Begriff macht einen stutzig. Es gibt also Arbeitnehmer, für die ein umfangreiches Schutzsystem existiert, und es gibt so genannte Selbständige, die alles selbständig regeln müssen. Der Selbständige war im Kosmos der Vorzeit nur ein isoliertes Atom, das sich selbst zur Sonne werden musste.
(Zwischenruf: Das ist ja alles nicht zu ertragen!)
Endlich, Mitte der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts, kam bei einigen politisch Verantwortlichen der Gedanke auf, dass es so nicht weitergehen konnte. Jedenfalls was die selbständigen Künstler und Publizisten anging. Diese Leute sind natürlich alle total vergessen, bis auf einen Schriftsteller, dem wir gerade im Rahmen einer Retrospektive Tribut gezollt haben. Dieter Lattmann war sein Name, und er kämpfte im Parlament dafür, dass es eine Einrichtung geben sollte, die den freien Künstlern und Publizisten Zugang zur Sozialversicherung und eine Unterstützung ihrer Beiträge leisten würde. Die so genannte Künstlersozialversicherung war geboren.
(Zwischenruf: Bravo! War´s das?)
Aber damit gingen die Probleme erst los. Als die Künstlersozialkasse im Jahr 1983 startete, hatten die Verleger der deutschen Zeitungen bereits eine Verfassungsklage gegen das Gesetz eingereicht. Sie wollten keine Künstlersozialabgabe zur Mitfinanzierung der Versicherungskosten von Künstlern und Publizisten zahlen, deren Werke sie gleichwohl jeden Tag nutzten.
(Zwischenruf aus dem Publikum: Diese Verleger waren wohl nie um etwas verlegen!)
Später, das muss ich der Gerechtigkeit wegen sagen, 25 Jahre später hatten die Verleger das System der Künstlersozialversicherung aber weitgehend akzeptiert. Andere Auftraggeber jedoch zogen die Abgabe einfach vom Honorar der Freien ab. Und die Wirtschaftsorganisationen wie der Deutsche Industrie- und Handelskammertag, der Zentralverband des Deutschen Handwerks und andere, liefen noch zum 25. Jahrestag der Kasse Sturmlauf gegen diese Institution. Auf die Idee, die Ausweitung des Systems der Künstlersozialversicherung auf alle Selbständigen zu fordern, kamen sie nicht.
(Zwischenruf aus dem Publikum: Wirtschaft, die nie an die Kleinen denkt!)
Das Hauptproblem blieb, dass Kunst und Publizistik in jener Zeit von der Wirtschaft für eine Art Privatvergnügen ohne gesellschaftliche, wirtschaftliche Bedeutung gehalten wurde. Sie erschienen vielen Unternehmern jener Epoche wie eine Hausfassade, die hübsch ist, auf die in ernsten oder sachlichen Zeiten aber auch einfach verzichtet werden kann. Manche Leute meinten sogar, dass nur Armut und Not Voraussetzungen für echte Kunst sein könnten. So war im Jahr 2008 in einer eigentlich renommierten Zeitung ein Beitrag zu lesen, in dem ein Autor allen Ernstes verkündete, die Literaturförderung korrumpiere Autoren, da literarische „Bestien“ nicht durch finanzielle Sicherheit gefördert würden.
(Zwischenruf: Darwinismus als Kulturtheorie!)
Ja, die Zeiten und ihre Akteure waren damals schon manchmal recht verwunderlich. Damals war das Gehirn zwar in aller Munde, aber das schien mitunter auch sein Hauptaufenthaltsort zu bleiben. Nun, wer damals Kunst schuf oder Beiträge für Medien verfasste, erhielt in vielen Fällen nur geringe Honorare. Wenn seine Werke von Dritten elektronisch genutzt wurden, im Internet, auf dem Computer oder auf ein Speichermedium „gebrannt“ wurden, wie es damals hieß, erhielt er nichts. Lediglich so genannte Verwertungsgesellschaften durften Abgaben von den Herstellern und Importeuren von Computern oder Speichermedien erheben. Allerdings wurde gerade Anfang 2008 ein Gesetz erlassen, das es der Industrie ermöglichte, bereits verhandelte Verträge über Vergütungen wieder zu kündigen. Da wurde es noch schwieriger, Einkünfte für Urheber zu erzielen! Und dann kam auch noch eine Enquetekommission des Parlaments auf die Idee, die Verwertungsgesellschaften für ihre Zahlungen an die Urheber Künstlersozialabgabe zahlen zu lassen - die Urheber sollten also für sich selbst ihren eigenen Zuschuss zur Künstlersozialkasse bezahlen.

Es sah also düster aus für die Künstlersozialkasse, die Verwertungsgesellschaften und die Künstler und Publizisten.

Es änderte sich, das muss ich bei aller Bescheidenheit sagen, als mein berühmter - mittlerweile längst vergessener - Vorfahr Fouad Al-Aouni, im Jahr 2009 aus Syrien nach Deutschland einwanderte. Er war Schriftsteller, hatte in seiner Heimat Publikationsverbot und stand kurz vor der Verhaftung. Da er in Deutschland alsbald für einige Exilzeitungen arbeitete, hatte er ein kleines Einkommen und kam recht, aber eher schlecht über die Runden. Da hörte er eher zufällig von der Künstlersozialkasse und es gelang ihm zu seiner Überraschung, Mitglied zu werden.

Die freundliche Aufnahme in Deutschland beeindruckte meinen Vorfahren außerordentlich. Bald schon veröffentlichte er in einer Londoner arabischen Exilzeitschrift seinen legendären „Diskurs über die Künstlersozialkasse“, einem zugegebenermaßen etwas kitschig anmutendem Text, in dem er die Künstlersozialkasse in höchsten Tönen lobte. Die Künstlersozialkasse, schrieb er, sei eine einmalige Kulturleistung. Zum ersten Mal in der Geschichte habe ein Staat ein eigenes Sozialversicherungssystem für den Personenkreis der freien Künstler und Publizisten geschaffen. Er schütze sie damit vor Problemen bei Krankheit und finanziere sogar eine Rente im Alter. Dabei verpflichte er auch diejenigen Unternehmen und Einrichtungen, die Leistungen der Künstler und Publizisten in Anspruch nähmen, zur Zahlung der Künstlersozialabgabe. Deutschland, so schrieb mein Vorfahre, beweise durch die Existenz der Künstlersozialkasse, dass das Bild von der Nation der Dichter und Denker nach allen geschichtlichen Abwegen wieder stimmig werde. Deutschland sei in diesem Zeitalter mit Recht die soziale Heimstatt aller freien Künstler und Publizisten.

Der Artikel meines Vorfahrens hatte ungeahnte Konsequenzen. Schon in der folgenden Woche brachen die ersten Schriftsteller, Journalisten, Maler und Bildhauer aus arabischsprachigen Staaten, die alle von diktatorischen Regimes beherrscht wurden, nach Deutschland auf. Nach einem Monat war ihre Zahl schon auf 300 Personen gestiegen. Aber auch in anderen Ländern machte die Kunde aus Deutschland die Runde. Im Folgemonat kamen mit einem Flugzeug aus Deutschland rund fünfhundert chinesische Künstler und Publizisten an, gefolgt von zweihundert Tibetern. Es folgten Künstler und Publizisten aus Birma, Pakistan und schließlich sogar der Türkei, in der trotz Streben nach der Mitgliedschaft in der Europäischen Union die Situation für freie Künstler und Publizisten unerträglich geworden war. Und dann konnte man die Nationalitäten kaum noch zählen, aus allen Nationen der Welt strömten die Künstler und Publizisten nach Deutschland.

Im ganzen Jahr 2009 waren es damit 3.000 Personen, im Jahr 2010 schon 7.000 und im Jahr 2013 auf dem Höhepunkt sogar 50.000 Personen. Bei den Politikern lagen die Nerven blank. Der Anteil ausländisch stämmiger Mitglieder lag bei über 60 Prozent. Gerüchte von einer Schließung oder Einschränkung der Versicherungsberechtigung der Künstlersozialkasse machten die Runde.

Wäre da nicht die Kulturstaatsministerin Kunigunde Kannegießer gewesen. Sie erkannte als erste die enorme kulturwirtschaftliche Bedeutung der Ereignisse: Denn die Künstler und Publizisten aus aller Welt blieben in Deutschland nicht untätig. Über zehntausend Zeitungen, Zeitschriften, Verlage, Internetplattformen, Satelliten-Fernsehsender, Kulturhäuser, Kunstgalerien und Video-Kunst-Produktionshäuser entstanden. Ein Markt mit einem Milliardenumsatz. Diese kulturelle Blüte zog einen enormen Aufschwung der Gesamtwirtschaft mit sich. Deutschland wurde ein Magnet für die Elite der Weltwirtschaft, und sowohl die Einwandererzahl als auch die Geburtenrate im Land selbst nahm dramatisch zu. Die Sozialversicherungssysteme, eben noch vom Zusammenbruch bedroht, erzielten wegen der vielen neuen Einzahler jährlich dreistellige Milliardenüberschüsse.

Aber es waren nicht nur die wirtschaftlichen Zahlen, die beeindruckten. Die große Zahl kultureller Immigranten führte auch zu einer Kulturrevolution, einer zweiten Renaissance, in der arabische, chinesische, indische und viele andere Einflüsse die deutsche Kultur neu entdeckten und definierten. Arabische Literaten entdeckten die Kultursprache der Staufer wieder, interpretierten die Gotik neu, indische Bildhauer zeigten verloren gegangene indo-germanische Prägungen in der Bildsprache auf, chinesisch stämmige Schriftsteller entdeckten verborgene buddhistische Formen in unserer Kultur. Zum ersten Mal wurde Goethes „West-östlicher Divan“ wirklich zeitgemäß interpretiert und die Lieder des deutschen Frühmittelalters aus ihrer zeitlichen Verlorenheit befreit, fand ein Heinrich Schliemann wirkliche Anerkennung in Kunst und Kultur. Zugleich schufen die neu hinzugezogenen Künstler und Publizisten gemeinsam mit den “Alteingesessenen” aber auch jene neue Globokultur, jenen Amalgan aus verschiedensten Kulturen, die bis in unsere heutige Zeit prägend geblieben ist.

Den enormen geistigen und wirtschaftlichen Aufstieg seit jener Epoche verdanken wir ohne Zweifel einer entschlossenen Kulturförderung, deren wichtigster Baustein eine eigene Sozialversicherung in Form der Künstlersozialkasse war.

Das ist nun 250 Jahre her. Sehen Sie mir nach, wenn ich die Geschichte der Künstlersozialkasse in ihrem Ablauf ein wenig ausgeschmückt habe, wenn ich ihre Bedeutung vielleicht zu sehr in den Vordergrund stelle, wenn ich mir erlaubt habe, dem Zuhörer den einen oder anderen Streich zu spielen. Kunst und Publizistik leben jedoch von der Übertreibung der Formen des Alltags, ohne die nichts Bleibendes geschaffen werden kann.

Lassen wir es hierbei bewenden. Herzlichen Geburtstagswunsch, Künstlersozialkasse!

*Günter Farouk Al-Aouni ist Präsident der Berliner Akademie der Künstler und Publizisten. Seinen arabisch anmutenden Namen verdankt er einem Vorfahren aus Syrien, der im Jahr 2009 nach Deutschland einwanderte.

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