Müssen wir zu Suchmaschinen-Journalisten werden, Herr Oefele? - Ein Interview

3. März 2010

Das Foto zeigt einen Screenshot der Internetseite www.webworker.net, einem Angebot von Peter Oefele, der Suchmaschinenoptimierung, Webdesign betreibt und auch als Webmaster tätig ist. Der dazugehörige Beitrag behandelt die Frage, ob der heutige Journalismus oder der Journalismus der Zukunft suchmaschinenoptimiert funktionieren muss, angesicht der Konkurrenz durch Content-Farmen, also Internetseiten, auf denen Inhalte in großem Maßstab speziell für das Internet angeboten werden

Die zunehmende Kommerzialisierung der Internetpublizistik durch Anzeigenplatzierung führt zu neuen Geschäftsmodellen, bei denen Beiträge in massenhafter Anzahl auf „Content-Farmen“ veröffentlicht und mit Blick auf Mechanismen von Suchmaschinen optimiert angeboten werden. Die Anbieter rechnen mit Einnahmen aus Werbung. Manchmal schütten sie auch kleine Beiträge - oft am Besucherverkehr orientiert - an Autoren aus. Die Rede ist von Angeboten wie Suite101.de, das schon in Deutschland tätig ist, sowie dem US-Anbieter Demand Media, für den das in der Diskussion steht.

Was heißt das für alle diejenigen, die mit eigenen Angeboten im Netz aktiv sind? Müssen (freie) Journalisten in Zukunft suchmaschinenorientiert schreiben, wenn sie im Netz publizieren? Wie geht dieser „Suchmaschinen-Journalismus“ eigentlich?

Wir fragten Peter Oefele aus München, der unter der Adresse „webworker.net“ im Bereich Suchmaschinenoptimierung und Webdesign sowie als Webmaster tätig ist. Wie es sich im Suchmaschinenzeitalter gehört, fanden wir den Suchmaschinenoptimierer beim „Googlen“ nach einem Experten ganz oben bei den Suchergebnissen…

freienblog: Demand Media in Deutschland, droht der Konkurrenz, gerade kleinen Fach- oder Lokalblogs, bald der Untergang, weil eine Riesenplattform einfach den gesamten (Reputations-)Verkehr auf sich zieht?

Oefele: Kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Sprache und die Möglichkeiten mit ihr Content darzstellen, ist dafür “zu unendlich”. Denken Sie an all die unterschiedlichen Bücher, die jemals geschrieben wurden. Für genauere Prognosen müsste man mal den US-amerikanischen Sprachraum unter die Lupe nehmen, wo Demand Media bereits aktiv ist. Aber grundsätzlich gilt hier nach meiner Meinung: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Wer gut optimiert, bleibt auch weiterhin auffindbar.

freienblog: Google & Co machen viel davon abhängig, ob Plattformen und andere auf ein Internetangebot verlinken. Führt das nicht dazu, dass ein Großanbieter (wie Demand Media oder Suite101 oder auch Springer) durch gezielte Verlinkung die eigenen Angebote in den Vordergrund drängt, oder wird das durch die einschlägigen Algorithmen ausgebremst?

Oefele: In erster Linie kann ich ihnen dazu sagen, dass das gegenseitige Aufeinander-Verlinken (in etwa vergleichbar mit dem Pagerank) nur ein Faktor des Algorithmus ist. Für den Fall, dass der Aspekt gegenseitiges Aufeinander-Verlinken dazu führt, dass Suchmaschinen ihrer Basis-Dienstleistung (hochwertige Suchergebnisse mit einschlägigen Inhalten auszuwerfen) nicht mehr sauber nachkommen können, wäre es für die jeweilige Suchmaschine ein Leichtes, dieses Bewertungskriterium einfach abzuschalten. Sobald gewisse Anbieter dadurch zu Monopolisten würden, wäre dieser Fall nach meiner Meinung gegeben. Die jeweilige Suchmaschine würde dann ja nicht mehr Ergebnisse aus dem Internet, sondern Ergebnisse der Monopolisten auswerfen. Und somit ihren Zweck und Grund-Ethos verfehlen. Wenn es den Monopolisten allerdings gelänge, die tatsächlich besseren Inhalte en masse zu erzeugen, dann wären sie zu Recht ganz oben in den Rankings.

freienblog: Kann Suchmaschinenoptimierung gelernt werden oder sollte man - für einen Betrag XY (welcher, schätzungsweise), die eigene Webpräsenz “im Auftrag” von jemanden wie Ihnen optimiert werden?

Oefele: Ja, kann gelernt werden - zuvor sollte aber jedenfalls (X)HTML/CSS erlernt werden. Um gut zu sein noch deutlich mehr. Erst danach kommt Suchmaschinenoptimierung. Professionelle Suchmaschinenoptimierung setzt ein breites Verständnis von Funktionsweise und Anatomie von Webseiten und Internet absolut voraus. Wie überall - und hier wohl noch mehr als wo anders - gilt: besser den Profi ranlassen. Nicht zu unterschätzen ist dabei der Aspekt, dass falsche / vermeintliche Suchmaschinenoptimierung sich nicht wertverbessernd, sondern - sogar langfristig - wertvernichtend auswirken kann.

freienblog: Muss ich als Journalist/in suchmaschinenoptimiert schreiben, denken, ja sogar recherchieren, oder gibt es Möglichkeiten, weiter klassisch zu arbeiten, aber mich mit anderen Mitteln auffindbar zu machen? Durch Verschlagwortung? Präsenzen in vielen Datenbanken und Verzeichnissen? Kommentareinträgen in Fachblogs? Muss man sich “Verschlagwortungs-Tools” zulegen? Gibt es - günstige - Anbieter, die so etwas unter Umständen automatisiert machen, so dass man nicht selbst zum “Verschlagworter” wird?

Oefele: Die Frage ist sehr pauschal - aber eines kann man sagen. Wenn es leistungsfähige günstige (automatische) Anbieter gäbe, hätte jeder hohe Rankings. Insofern ist dieser Ansatz eigentlich undenkbar.

freienblog: Hilft es, wenn Journalisten untereinander aufeinander verlinken, oder gilt hier das gleiche wie bei Großverlagen: Google & Co bremsen das aus?

Oefele: Hilft super!

freienblog: Allgemeine Einschätzung: Werden die Großen die Suchmaschinen monopolisieren können, oder wie schafft man es, ihnen ein Schnäppchen zu
schlagen?

Oefele: Nein, werden sie nicht können. Sofern Schnäppchen schlagen nötig ist: die eigenen Angebote einfach höher und spezieller optimieren. Die
Möglichkeiten sind quasi unendlich. Das heißt auch, dass ich speziellere Komplexe durch spezielle Behandlung spezieller optimieren kann. Wenn “die Großen” unendlich viele Inhalte produzieren und dabei unendliche Möglichkeiten ausschöpfen würden, müssten sie unendlich viel Arbeit, geleistet von unendlich viel unendlich gut ausgebildeten Mitarbeitern erledigen… Und für den Fall, dass sie diese Unmöglichkeit möglich machen, würden Google und Konsorten sehr schnell Mittel und Wege finden das zu regulieren (sofern aus ethischen Gründen nötig)

freienblog: Kann die Optimierung in Seminaren gelernt werden? Welche Bücher und Quellen empfehlen Sie?

Oefele: Sie müssen sich in das Thema reingoogeln. Davon abgesehen biete ich Interessenten auf Rückfrage meine Ausarbeitung “Von Null auf Eins?! - Allgemeines und Wissenswertes zur Suchmaschinenoptimierung” an. Dieser Artikel kann per E-Mail kostenfrei bei mir angefordert werden.

Das Interview wurde per E-Mail geführt.

WDR: Einigung bei Zahlungen im Krankheitsfall für freie Mitarbeiter

3. März 2010

Erfolg bei den Tarifverhandlungen für die Regelung der Entgeltfortzahlung beim WDR: Es ist DJV und ver.di nach vielen schwierigen Verhandlungsrunden gelungen, mit dem WDR einen Kompromiss zu finden. Danach gilt:

In den ersten sechs Wochen erhalten künftig alle arbeitnehmerähnlichen Freien eine Entgeltfortzahlung entsprechend dem Durchschnitt der Vorjahresvergütung. Die - wegen früherer gesetzlicher Unsicherheiten befristet praktizierte - Begrenzung auf die Beitragsbemessungsgrenze fällt weg. Auch nach den ersten sechs Wochen können Freie einen Zuschuss erhalten: langjährig Beschäftigte erhalten einen Zuschuss von 30% der Vorjahresvergütung - bei 5 Jahren Beschäftigung für 87 Tage, bei 10 Jahren für 178 Tage.

Die Regelung geht davon aus, dass Versicherte, die entweder über den Sender oder bei der KSK versichert sind, im Regelfall von ihrer Versicherung einen Zuschuss von 70 % erhalten. Dies setzt aber voraus, dass sie ihr Arbeitseinkommen entsprechend gemeldet haben. Es wird daher dringend dazu geraten, das erwartete jährliche Arbeitseinkommen nicht zu niedrig anzusetzen - was ohnehin für spätere Rentenansprüche kontraproduktiv ist. Ohnehin erfolgen seit einiger Zeit Kontrollen der Angaben mit der Verhängung von Bußgeldern bei deutlichen Abweichungen.

Weiterhin wurde vereinbart, dass die Grenze der sozialen Schutzbedürftigkeit ab 1. Januar 2011 auf 46.500 Euro steigt.

Den Gewerkschaften ist es damit gelungen, die Zahlungen für arbeitnehmerähnliche freie Mitarbeiter bei Krankheit auf ein stabiles und einfach abzurechnendes Fundament zu stellen. Bisher erfolgten die Zahlungen in einem Mischmasch aus komplizierten Anrechnungen von Krankengeld und Zuschüssen, was mit erheblicher Bürokratie und teilweise auch unsystematischen Ergebnissen verbunden war.

Wie immer bedarf das Ergebnis noch der Zustimmung der Tarifkommissionen.

Warum bloggen Sie vom Finanzplatz New York, Herr Schäfer?

2. März 2010

schaefer

Tim Schäfer ist seit dem Jahr 2006 freier Finanzjournalist mit Sitz in New York. Außerdem bloggt er unter www.timschaefermedia.com über Finanz- und Anlegerthemen. Sein Blog befindet sich unter den Finalisten einer noch bis zum 9. März laufenden Online-Abstimmung über die besten Finanzblogs.

Wir wollten wissen, wie Bloggen und hauptberuflicher Journalismus zusammenpasst - und ob Berichterstattung über Spekulation am Ende nicht auch nur Spekulation bleiben muss.

freienblog: Herr Schäfer, warum bloggen Sie eigentlich? Als freier Journalist sollte man seine Inhalte doch verkaufen und nicht verschenken (jedenfalls sagt das doch sogar Herr Murdoch)?

Tim Schäfer: Das Bloggen macht mir schlichtweg Spaß. Ich entwickle aus meinem Blog heraus neue Themen für meine Kunden. Der Nebeneffekt ist: Ich mache auf meine Korrespondententätigkeit aufmerksam.

Herr Murdoch stellt übrigens auch frei zugängliche Artikel ins Internet. An bestimmten Tagen erscheint die komplette Ausgabe des “Wall Street Journals” kostenlos im Netz. Auch über Google lassen sich die Texte gratis abrufen. Die komplette Ausgabe der “New York Times” steht jeden Tag im Netz, in einem Jahr soll das Online-Angebot der Times jedoch kostenpflichtig werden.

freienblog: Das Thema Finanzen ist sensibler als andere, weil von Nachrichten und Meinungen auch Kurswirkungen ausgehen können. Besteht für Finanzjournalisten nicht die Versuchung, vom Reporter zum Investor zu werden, und seine eigenen Investitionen damit zum Thema zu machen?

Tim Schäfer: Es ist doch grundsätzlich von Vorteil, wenn sich der Finanzjournalist mit dem Thema des Investierens persönlich beschäftigt. Umso größer ist sein praktisches Wissen. Würden Sie gerne mit einem Trainer im Fitness-Studio trainieren, der unsportlich ist? Oder würden Sie mit einem Bergführer auf den Mount Everest klettern, der das erste Mal diesen besteigt? Wohl kaum! Insgesamt wird meiner Meinung nach der Einfluss des Journalisten auf die Kurse überschätzt. Interessenskonflikte müssen aufgezeigt werden, Meinungen sollten klar erkennbar sein, die Fakten dürfen natürlich nicht verdreht werden. Die Diskussion wird auch manchmal etwas kleinkariert geführt. Muss der Redakteur unter seinen BASF-Artikel schreiben, dass er 80 Aktien des Chemiekonzerns besitzt?

freienblog: In Amerika gibt es die Börsenaufsicht SEC, in Deutschland - eher belächelt die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht -
und einen einschlägigen Paragraphen im Wertpapierhandelsgesetz hinsichtlich Börsenberichterstattung. Hält sich irgendwo in der Welt jemand daran, oder sind Finanzjournalisten am Ende doch nichts anderes als redselige Investoren?

Tim Schäfer: Ich handele keine Aktien in einem direkten Umfeld mit einer Empfehlung. Das sollte man tunlichst vermeiden - allein schon aus berufsethischen Gründen. Im Übrigen ist das einer der Kernpunkte der Selbstverpflichtung des Deutschen Presserates. Wer den Pressekodex befolgt, ist auf der sicheren Seite. Ohnehin bin ich kein Trader. Ich verfolge eine Buy-and-Hold-Strategie. Darüber hinaus lege ich meinem Verlag gegenüber meine Aktienpositionen jederzeit offen. In gewissen Abständen wird dies auch verlangt. Für mich als Journalist gelten freilich die Gesetze wie für jeden anderen Bürger, insbesondere das Wertpapierhandelsgesetz. Noch ein Punkt zu dem Thema Transparenz: Das kann ein zweischneidiges Schwert sein. Wenn Sie sich die Fernsehshow „Mad Money“ auf CNBC beispielsweise ansehen, dann bespricht der Börsenstar Jim Cramer täglich seine eigenen Aktienpositionen. Doch legt der Sender den Interessenskonflikt offen beziehungsweise Cramer weist direkt darauf hin. Einerseits bietet das dem Zuschauer eine hohe Transparenz. Andererseits ist das ja im Grunde kontraproduktiv: Denn Cramer löst damit einen persönlichen „Kauf-Verstärker“ aus.

freienblog: Der Journalismus ist tot, denn seine Arbeit kann von nebenberuflichen Bloggern gemacht werden, heißt es immer wieder. Wie beurteilen Sie das für Ihr Berichterstattungsfeld? Müssen wirklich Journalisten vor Ort sein, ist das nicht längst Ressourcenverschwendung? Warum dieses altertümliche “Vor-Ort-sein”, in New York, an der Börse?

Tim Schäfer: In der Tat ist das Internet zu einem Konkurrenten geworden. Aber es ist ein großer Unterschied, ob sie vor Ort sind oder alles aus dem Internet zusammen schreiben. Die persönlichen Eindrücke sind sehr wichtig, sie geben der Story das Blut, das sie braucht. Sie können nach einer Veranstaltung beispielsweise mit dem Vorstand oder den Kollegen reden, sich austauschen. Wenn Sie all ihre Informationen aus dem Internet beziehen, dann sieht man das den Texten an. Ich lese Reportagen oder Artikel mit einem szenischen Einstieg viel lieber, als trockene Zahlenkolumnen. Das geht sicherlich vielen Lesern so.

freienblog: Wie beurteilen Sie die Berichterstattung über die Börse - auch und gerade Wall Street - in den deutschen Medien? Wird da genug investiert, sind ausreichend Kollegen vor Ort? Stapeln sich die Berichterstatter an der New Yorker Börse?

Tim Schäfer: Es gibt hier meiner Kenntnis nach nur eine Handvoll Wall-Street-Korrespondenten, die für deutsche Medien berichten. Das hat einen guten Grund: Das Leben in der Finanzmetropole ist sehr teuer und die Budgets der Medien werden gleichzeitig immer kleiner. Daher greifen die Verlage gerne auf die Agenturen zurück. Da sollten die Verlage durchaus mehr investieren, denn nur so können sie sich von der Konkurrenz abheben. Ein eigener Korrespondent am größten Finanzplatz der Welt, steht meiner Meinung nach für Qualität. Ich denke, dass dies die Leser schätzen.

freienblog: Sie sind seit 2006 in New York. Irgendetwas ist ja seitdem an den Weltbörsen und gerade auch an Wall Street passiert. Wie haben Sie - ganz kurz - diese dramatischen Einbrüche erlebt, was ist Ihnen am eindrücklichsten in Erinnerung?

Tim Schäfer: Eine Panik habe ich hier nicht erlebt. Das Leben geht weiter. Als Lehman Brothers pleite ging, bin ich an die Hauptzentrale nahe des Times Square gefahren. Ich erlebte einen riesigen Reporteransturm. Kameraleute rannten hinter Beschäftigten her, die das Büro mit ihren gepackten Habseligkeiten verließen. Derzeit sehen Sie die Krise vor allem an den vielen leeren Schaufenstern und verwaisten Restaurants - insbesondere im Süden Manhattans.

freienblog: Das Börsengeschäft ist Spekulation. Können Börsenjournalisten mehr als mitzuspekulieren, im metaphorischen Sinne jetzt?

Tim Schäfer: Das Börsengeschäft muss nicht unbedingt etwas mit heißen Spekulationen zu tun haben. Wie gesagt, ich verfolge eine konservative Buy-and-Hold-Strategie und kaufe überwiegend Standardwerte. Mein Vorbild ist Warren Buffett, der seine Kernpositionen schon seit Jahrzehnten hält. Ich fahre übrigens dieses Jahr wieder zu seiner Hauptversammlung nach Omaha, Nebraska. Weil ich leider nicht die Kurse von morgen oder übermorgen vorhersagen kann, besitze ich meine Aktien langfristig. Und auf Optionen verzichte ich ganz. Der Börsenjournalist sollte meiner Meinung nach den grundsätzlichen Vorteil der Aktie seinen Lesern aufzeigen. Zwar weist die Börse gegenüber anderen konservativen Anlageformen ein höheres Risiko und eine hohe Schwankungsbreite auf - wie die Krise jetzt eindrucksvoll gezeigt hat. Doch dafür kann der Anleger langfristig mit einer höheren Rendite rechnen. Ich bin der Meinung, dass beispielsweise die „Euro am Sonntag“, für die ich regelmäßig schreibe, in diesem Punkt einen guten Job macht und für die Aktie als solches wirbt. Viele Experten kommen hier zu Wort. Und komplexe Zusammenhänge bringen die Redakteure verständlich und anschaulich rüber.

freienblog: Griechenland vor dem Absturz, Süd- und Osteuropa generell auf der Kippe, Schuldenpolitik und Forderungen nach geplanter Inflation. Wäre es nicht am sichersten, jetzt Lebensversicherungen und andere Kapitalanlagen aufzulösen und Goldbarren zu kaufen?

Tim Schäfer: Nun, die Kapitalmärkte schauen nach vorne. Langfristige Trends spiegeln sich schon heute in den Kursen wider. Der Goldpreis bewegt sich mittlerweile auf einem recht hohen Niveau bei mehr als 1.100 Dollar je Unze. Ob es sich jetzt noch lohnt, hier einzusteigen? Das ist eine schwierige Frage. Kurz gesagt: Ich würde eher bei Kursen zwischen 600 und 800 Dollar Gold für eine attraktive Anlage halten. Problem ist aber auch dann, wohin mit dem physischen Gold? Wollen Sie die 20 Barren unters Bett legen oder im Garten vergraben? Wenn Sie stattdessen Aktien eines soliden Bergbaukonzerns kaufen, haben Sie dieses Problem nicht. Zudem können Sie eine Dividende kassieren und nachts ruhig schlafen, denn keiner kann ihren Schatz ausbuddeln. Eine Lebensversicherung oder andere Anlageformen würde ich jetzt nicht unbedingt auflösen. Das sollte man sorgsam abwägen.

freienblog: Der Berliner Finanzanalytiker Bogen (bogen-gmbh.de) prognostiziert das Ende der jetzigen Abwärtsbewegung erst für das Jahr 2017 und hält es für möglich, dass die Märkte erst wieder im Jahr 2070 (!) eine Kapitalisierung wie im Jahr 2007 erreichen. Halten Sie das für möglich, oder halten Sie sich aus derartig langfristigen, (auch) auf mathematischen Formeln beruhenden Berechnungen eher heraus? Was empfehlen Sie stattdessen?

Tim Schäfer: Ob wir im Jahr 2070 auf das Kursniveau des Jahres 2007 zurückfallen werden, wie das der Kollege Bogen ermittelt hat, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich rate grundsätzlich dazu, einen langfristigen Horizont zu verfolgen und dabei optimistisch zu bleiben. Seit mehr als 100 Jahren bildet der Dow Jones immer neue Bestmarken aus. Ich sehe derzeit keinen Grund dafür, anzunehmen, warum sich dieser Trend in der Zukunft ändern sollte. Der Fortschritt nimmt stetig zu. Ständig gibt es bahnbrechende Entdeckungen, die das Leben einfacher machen. Daher nehmen auch die Bewertungen an der Börse zu. Nicht zuletzt wächst die Weltbevölkerung. Wir befinden uns aktuell an einem Punkt, wo der Dow Jones vor zehn Jahren schon einmal stand. Ich betrachte das eher als Chance und nicht als Problem.

freienblog: “Journalismus tot”: In den Medien (ausgerechnet) ist viel vom Tod des Geschäftsmodell Tageszeitungen, Zeitschriften, ja des gesamten Qualitätsjournalismus zu lesen. In Deutschland werden die Nachrichtenabteilungen von Privatsendern abgebaut oder gänzlich gestrichen. Private Spartensender wie Terra Nova wurden eingestellt, und Sender wie etwa - ausgerechnet - das Deutsche Anleger-Fernsehen senden nur noch über Internet, das alles wegen zu geringer Werbe-Erlöse. Müsste man - bei allem Respekt vor der eigenen Branche - nicht in jedem Fall vom Kauf von Medienaktien abraten, oder sehen Sie das anders?

Tim Schäfer: Es stimmt, dass sich die Medien in einer schwierigen Umbruchphase befinden und der ein oder andere Anbieter dabei auf der Strecke bleibt. Insbesondere die führenden Konzerne dürften aus dieser Krise jedoch gestärkt hervorgehen. Die Zeitungen und Zeitschriften werden ja nicht komplett verschwinden. Bücher gibt es ja auch schon seit Jahrhunderten. Die Medien werden neue Einnahmequellen schaffen – etwa im Internet -und sich breiter aufstellen. Wenn Sie sich die Entwicklung der “New York Times” ansehen, dann glaube ich, dass der Turnaround nachhaltig gelungen ist. Der Kurs von Rupert Murdochs Medienkonglomerat “News Corp” hat sich seit dem Tief im März ebenfalls kräftig erholt. Das Schlimmste scheint überstanden zu sein.

Das Interview wurde per E-Mail geführt.

Vorläufige Programme für offene Tagungen (BarCamps) für Freie jetzt online

25. Februar 2010

Die vorläufige Programmpunkte für die offenen Tagungen für Freie (BarCamps) am 11. März 2010 in Bonn und am 17. März 2010 in Berlin sind jetzt online:

Programm 11. März 2010 in Bonn

Programm 17. März 2010 in Berlin

Außerdem kam schon wieder ein weiterer Vorschlag für Berlin, der hier gleich mal angekündigt werden darf:

- “Germany Watch - kann spendenfinanzierter hyperlokaler Journalismus auch bei uns funktionieren?” von Nils Franke, ein Rundgang durch amerikanische Internetseiten wie California Watch, bei dem sich sich die verschiedenen Möglichkeiten für eine deutsche Plattform erörtern lassen.

- Es liegt für Berlin auch eine Zusage von Rechtsanwalt Dr. Donle vor, der für DJV & Co in Sachen Sanssouci, Springer, Bauer etc. erfolgreich agiert hat und über das Thema Geschäftsbedingungen bei Verlagen referieren wird.

Freelancer besonders gefährdet

17. Februar 2010

Bericht über Gewalt gegen Journalisten auf internationaler Ebene bei meedia.de.

Suite101 - Honorare bei meistgelesenen Autoren “durchschnittlich 150 Euro im Monat”

16. Februar 2010

Suite101 (”Cent per Klick”) legt seine Tantiemzahlungen offen und zeigt eine Statistik der zwanzig meistgelesenen Autoren, die von 140.000 Page Views bis zu 37.000 Page Views reicht. Dazu die Erläuterung:

“Und was ist mit den Tantiemen?

- 19 dieser Autoren erreichten im Januar 2010 eine Tantiemen-Auszahlung von über 50 Euro.
- Durchschnittlich erzielten die 20 im Januar 2010 meistgelesenen Suite101-Autoren für diesen Monat eine Auszahlung von 150 Euro.
- Natürlich haben noch weitere Autoren, die im Januar 2010 nicht zu den 20 meistgelesenen gehörten, dreistellige Tantiemen erreicht.”

Hundertfünfzig Euro. Der - nur relative - Trost mag sein, dass dieses Geld angeblich dauerhaft gezahlt wird, weil die Page Views bei bereits verfassten, interessanten Beiträgen wohl längerfristig hoch bleiben. Wobei es auch hierbei dabei bleiben dürfte, dass natürlich auch neue Themen hinzukommen müssen.#

(via twitter.com/BJVde)

Demand Media - Suite101 2.0 ?

16. Februar 2010

Die F.A.Z. macht heute mit zwei Beiträgen auf den Internet-Content-Provider Demand Media aufmerksam, der (kostenlose) Text- und Videobeiträge im Netz anbietet und die Produzenten dafür - gering - bezahlt. Was findet sich zum Thema noch so im Netz? Vermutlich hat Daniel Roth in Wired.com den bisher ausführlichsten Beitrag verfasst (bereits im Oktober 2009), in dem auch die Bezahlung der Autoren länger dargestellt wird. Über die wirtschaftliche Entwicklung im Vergleich zum Internetdienst About.com berichtete ReadWriteWeb im November genauer.

Laut “Business Insider” bietet Demand Media seine Inhalte auch großen Medienfirmen an, die damit Kosten für (feste und freie) Mitarbeiter sparen wollen.

Auch laut ReadWriteWeb wird den freien Autoren pro Stück zwischen 15 bis 30 Dollar gezahlt (für Videos laut New York Times 30 Dollar). Demnach soll es sogar einige Freie geben, die mehrere tausend Dollar pro Monat mit Demand Media verdienen, wobei solche Dimensionen die Ausnahme sein sollen.

Tony Rogers spricht in About.com von 15 Dollar für ein Stück mit 500 Worten (nicht: Zeichen!) und meint, dafür sollten professionelle Freie nicht arbeiten (About.com ist freilich Wettbewerber, hier wird angeblich ein Basishonorar von 675 Dollar im Monats für “Guides” gezahlt). Er erwähnt dabei auch die Kritik von Tony Silber, der Demand Media für einen “Sweatshop” hält. Eine andere Autorin berichtet in ReadWriteWeb von 3,50 Dollar pro Beitrag, meint aber, ein Bekannter habe es damit dennoch auf 20 Dollar pro Stunde gebracht.

Zum Businessmodell ist auch hier etwas ausführlicher zu lesen.

Das Modell erinnert an die Diskussion um Suite101.com. Zu dieser - auch in Deutschland aktiven - Firma, die immer wieder freie Journalisten wirbt, hatte auch dieser Freienblog schon mehrmals etwas berichtet, beispielsweise hier und hier und hier (insbesondere zu den Honoraren). Suite101.com hatte gerade angekündigt, auch in Deutschland in die Lokalberichterstattung einsteigen zu wollen. Über einen anderen Anbieter, Mediaquell, hatte der Freienblog kürzlich etwas verfasst.

Anzunehmen ist, dass diese Form der Inhalteproduktion in bestimmten Segmenten des freien Journalismus für einen Preissturz sorgen wird. Die Parallele zum Preisverfall im Bereich der Stockfotografie drängt sich auf. Einzige Ausnahme: Während Stockfotografie international produziert werden kann und damit im Zweifel die Produktionskosten von Fotografen in China, Vietnam oder Albanien das relative Minimum der Preisbewegung abbilden (wenn die Kostenlos-Angebote aus der PR-Fabrik, von Museen/Archiven oder Privatpersonen einmal ausgeblendet werden, die damit selbst das chinesische Produktionskostenniveau unterschreiten), sind Text- und Videobeiträge durch den Bedarf an deutscher Sprache und Kulturkenntnis ein Stück weit geschützter. Allerdings ändert das nichts daran, dass die Fließbandproduktion auch in Deutschland zu Centbeträgen erfolgen wird, weil Contentproduzenten oft nicht aus beruflichen Motiven tätig werden, sondern wegen Ruhm, aus Langeweile oder aus Altruismus, denn Wissen ist Macht, und den Machtlosen kostenlos zu helfen, ist edel und nicht schlimm. Journalisten müssen dann im Zweifel mehr bieten als ein Nebenberufler es kann. Das setzt auch nicht unbedingt kryptische Fähigkeiten voraus. Wenn in Frankreich eine Florence Aubenas monatelang die Putzfrau spielt und darüber berichtet (derzeit nachzulesen im gedruckten Nouvel Obs oder per Buch), ist journalistische Berichterstattung wohl auch eine Frage des Fokus, den andere so nicht legen (können).

Wenig Sinn macht es vermutlich, Demand Media mit dem Untergang des Berufsstandes in Verbindung zu bringen. An dem arbeiten schon ganz andere. So zeigt die DJV-Umfrage unter den freien Journalisten, dass nicht etwa die Online-Journalisten am wenigsten verdienen, die eigentlich von den Folgen vergleichbarer Geschäftsmodelle am härtesten getroffen sein müssten. Sie liegen mit rund 1.900 Euro im Monat zwar unter dem Durchschnitt der Freien, allerdings befinden sich die freien Journalisten an Tageszeitungen mit rund 1.500 Euro monatlich deutlich darunter. Tageszeitungen sind das Reich der Niedriglöhner im Bereich der freien Mitarbeiter - Redakteure arbeiten zunehmend als outgesourcte Leiharbeiter im Schlecker-Modus. Ob das die neuen Vergütungsregeln ändern werden, muss sich erst noch zeigen. Wer einigermaßen vernünftig verdienen will als freie/r Journalist/in, sollte vielmehr für Rundfunkanstalten arbeiten, online oder offline, oder für (große) Nachrichtenagenturen im Schichtdienst. Mit Kostenlos-Anbietern à la Suite101 hat geringer Verdienst jedenfalls derzeit wenig zu tun.

Und sonst? Über aktuelle Trends in der Vermarktung von (gerade auch lokalen) Inhalten berichten auch Maike Freund, Christin Otto und Nora Weis in einem Beitrag in “Medien Monitor”.

Weitere Tipps und Hinweise auf Beiträge von Dritten können im Kommentarfeld eingegeben werden.

Demand Media: (Freie) Content-Produktion 2.0

16. Februar 2010

Über den US-Content-Provider Demand Media, der freie Mitarbeiter suchmaschinenoptimiert Inhalte produzieren lässt und demnächst nach Deutschland kommen soll, berichtet die FAZ in ihrem Feuilleton mit einem Bericht von Oliver Jungen sowie im Wirtschaftsteil mit einem Bericht von Holger Schmidt.

Finnland: Niederlage für die freien Journalisten bei Sanoma News

8. Februar 2010

Die freien Journalisten der führenden finnische Zeitungsverlag Sanoma News haben eine Niederlage bei dem Versuch erlitten, gerichtlich gegen unfaire Vertragsbedingungen vorzugehen. Mit der Entscheidung vom Januar 2010 wies das zuständige Gericht einen Antrag des Finnischen Journalistenverbandes zurück, mit der die Feststellung der Unwirksamkeit von Vertragsklauseln verlangt wurde. Das Gericht begründete seine Entscheidung mit der Meinung, der Vertrag sei generell nicht unzulässig. Er könne freilich in individueller Hinsicht rechtswidrig sein, was durch ein separates Verfahren der einzelnen Journalisten zu prüfen sei. Der Finnische Journalistenverband will Berufung gegen die Entscheidung einlegen.

Heikki Jokinen, freier Journalist und in der Gewerkschaft aktiv, meint, dass mit es mit der individuellen Verhandlungsmöglichkeit durchaus noch eine Perspektive für die Freien gebe, die Regelungen in Frage zu stellen. Der Cartoonist Harri Vaalio bezweifelt dagegen, dass Sanoma News dazu bereit sei. Vertragsbedingungen würden von oben diktiert.

Der Geschäftsführer des finnischen Fotografenverbandes Finnfoto Mikko Säteri kommentierte die Gerichtsentscheidung pessimistisch: „Wenige Personen werden in der Lage sein, den Fotografenberuf für eine derart niedrige Vergütung auszuüben!“

Dänemark: Aller Media schon wieder gegen die Freien

8. Februar 2010

Die dänische Aller Media Gruppe fordert von ihren freien Mitarbeiter die Unterzeichnung neuer Vertragsbedingungen, mit der praktisch alle Nutzungsrechte an Beiträgen abgetreten werden sollen. Erst 2007 hatte ein entsprechender Vorstoß des großen dänischen Medienhauses zu einer Konfrontation mit dem Dänischen Journalistenverband geführt. Die Gewerkschaft hatte zum Boykott gegenüber Aller Media aufgerufen. Die Firma hatte anschließend sogar versucht, den Boykottaufruf verbieten zu lassen. Das war allerdings nicht erfolgreich. Vielmehr bestätigte das zuständige Handelsgericht das Recht des Dänischen Journalistenverbandes, zum Boykott aufzurufen.

Die Ausgabe neuer Vertragsbedingungen ist im Zusammenhang damit zu sehen, dass der von der Gewerkschaft ausverhandelte Kollektivvertrag für die Freien am 28. Februar 2010 ausläuft. Der Journalistenverband fordert die Zurücknahme der neuen Vertragsbedingungen und will am 1. März 2010 zum Boykott aufrufen.